Dienstag, 30 Juli 2019 09:51

Ohne Wenn und Abfall

Wer Schokolade lose kauft, muss sich keine Gedanken mehr um das ABC-der Verpackungsentsorgung von Schokoladenpapier machen.|Machen sich ein Bild vom System „Unverpackt“ im Laden: Die Projektmanagerin Marlene Berger-Stöckl, Evi und Michael Steinmaßl sowie Bürgermeister Hans-Jörg Birner.|Lebensmittel zum Selbstabfüllen gibt es neuerdings im „Bio-Michi-Laden“ an der Götzinger Straße.|||| Wer Schokolade lose kauft, muss sich keine Gedanken mehr um das ABC-der Verpackungsentsorgung von Schokoladenpapier machen.|Machen sich ein Bild vom System „Unverpackt“ im Laden: Die Projektmanagerin Marlene Berger-Stöckl, Evi und Michael Steinmaßl sowie Bürgermeister Hans-Jörg Birner.|Lebensmittel zum Selbstabfüllen gibt es neuerdings im „Bio-Michi-Laden“ an der Götzinger Straße.|||| Foto: Caruso|Foto: Caruso|Foto: Caruso||||

Plastikfasten mit unverpackter Ware: Kirchanschöringer Bioladen macht es vor

 

Kirchanschöring.  Verpackungsmüll vermeiden und verhindern, dass Lebensmittel unnötig weggeworfen werden - das sind zwei Ziele von Michael Steinmaßl. In seinem Bio-Laden, den er zusammen mit seiner Frau Evi in der Götzinger Straße betreibt, hat er jetzt eine Unverpackt-Station, eine Abfüllbar mit Warenspendern, eröffnet. Die Heimatzeitung hat ihn in seinem kleinen Geschäft besucht und gefragt, was hinter der Unverpackt-Bewegung steckt.

 

„Damit auch unsere Kinder und Enkelkinder später noch eine lebenswerte Welt vorfinden, sollten wir einen Lebensstil entwickeln, der die Erde nicht weiter ausbeutet, sondern sie für unsere Nachkommen bewahrt und verbessert“, betont Michael Steinmaßl, den alle nur ganz salopp den „Bio-Michi“ nennen. Der gelernte Gemüsebau-Meister hat sich mit Leib und Seele dem biologischen Anbau von Gemüse verschrieben. Das kultiviert er auf seinen Feldern und Folienhäusern im Kirchanschöringer Ortsteil Watzing seit 2006 nach den Verbandsrichtlinien von „Bioland“ und verkauft es nicht nur auf den Bauern-Märkten in der Region, sondern vor allem auch in seinem vor gut vier Jahren eröffneten Bio-Laden in Kirchanschöring. Der liegt nur ein paar Auto-Minuten von seinen Feldern entfernt. Noch regionaler dürfte es also kaum gehen.

 

Sich von Bio-Lebensmitteln zu ernähren, ist ein wichtiger Beitrag zu einem enkeltauglichen Lebensstil. Denn der biologische Landbau schützt das Klima, fördert die Artenvielfalt und erhält die Fruchtbarkeit der Böden. „In unserem Geschäft verkaufen wir deshalb seit der Gründung Lebensmittel aus Bioerzeugung: So zum Beispiel 40 verschiedene eigne Gemüsesorten sowie Obst, Milch, Käse und andere Milchprodukte, Nudeln, Getreide- und Getreideprodukte, und Brot- und Backwaren aus anderen Biobetrieben.“ Zudem bietet er nachhaltigere Alternativen zu gängigen Produkten wie Seifen, Shampoos, Putzmitteln oder Babynahrung. „Mittlerweile führen wir in unserem Bio-Sortiment, das zu einem Großteil regional ist, etwa 2500 verschiedene Artikel“, erzählt der 32-Jährige.

 

Zu einem enkeltauglichen Lebensstil gehöre aber auch die Möglichkeit, abfallarm einzukaufen. Jeder von uns produziere mehr als 200 Kilogramm Verpackungsmüll pro Jahr, darunter viel Papier und Plastik. Dass der Verbrauch trotz vieler ökologischer Maßnahmen nicht sinkt, habe laut Umweltbundesamt viele Gründe. „Ein Beispiel sind zusätzliche Funktionen der Verpackungen wie Dosierhilfen oder aufwendige Verschlüsse. Die benötigen mehr Material und machen das Recycling schwieriger.“ Zudem setze sich der Trend fort hin zu kleineren Portionen anstatt Großverpackungen, zu Versandhandel anstatt Vor-Ort-Kauf und zu Außer-Haus-Verzehr.

 

Mit der Unverpackt-Aktion will der Biogemüsebauer gegen das wachsende Unbehagen ankämpfen, das viele Verbraucher beim Blick auf den überquellenden Mülleimer nach dem Auspacken des Einkaufs beschleicht. Gerade auch der Ruf und das Image von Kunststoff als Verpackungsmaterial sei schwer lädiert, seitdem Plastik als schädlicher Stoff für den Zustand der Weltmeere ins Gerede gekommen sei. „Heute schwimmen in jedem Quadratkilometer der Ozeane Hunderttausende Teile von Plastikmüll.“

 

Steinmaßl ist überzeugt, dass man dagegen etwas tun kann und muss. Er tastet sich erstmal vorsichtig heran und bietet neben Obst und Gemüse, die man in mitgebrachten Netzen verstauen kann, jetzt noch weitere Lebensmittelgruppen wie Getreideprodukte und Süßigkeiten als lose Ware an. Dafür nahm er einen größeren Betrag in die Hand und ließ sich ein entsprechendes Regal mit fein säuberlich aufgereihten Glaszylindern und Edelstahlwannen in seinen kleinen Laden einbauen, an denen der Kunde sich selbst bedienen kann. Die Palette reicht von Getreidekörnern, Nudeln, Müsli, Getreideflocken und Mehle, Ölsaaten, Backpulver, Puddingpulver und Kaffeebohnen aus heimischer Röstung über Schokolade und Fruchtgummis in Spendern aus Glas und Behältern aus Edelstahl. Wie bei abgepacktem Material sind Angaben zu Herkunft, Haltbarkeit und Inhaltsstoffen natürlich ebenfalls festgehalten.

 

Das Erfassen der Verkaufsmenge ohne Standardverpackung funktioniert ganz einfach. Jeder bringt seine eigenen Schraubgläser, Tupperdosen oder Recyclingpapiertüten zum Befüllen mit. Sauber müssen sie aber unbedingt sein. Wer keine eigenen Transportgefäße dabei hat, kann gegen eine kleine Gebühr welche vom Laden erwerben. Diese müssen zunächst (mit Deckel) auf der Waage, die neben der Spenderbar steht, abgewogen werden. Das Gewicht schreibt man mit einem Marker auf den Deckel. Hat man alles beisammen, geht man zur Kasse, wo eine der Verkäuferinnen die Gefäße erneut abwiegt. Sie zieht das Leergewicht natürlich ab und berechnet nur den Preis für den Inhalt.

 

„Jetzt müssen sich unsere Kunden darauf einstellen und dran denken, dass sie ihre Behälter mitbringen“, sagt Evi Steinmaßl, die ihrem Mann im Laden hilft. Die Abfüllbar trage nicht nur dazu bei, unnötige Einwegverpackung zu sparen, vielmehr eigne sie sich auch dazu, genau die Menge zu kaufen, die auch tatsächlich verbraucht wird. Dadurch reduziere man Speisereste und vermeide, dass übriggebliebene Lebensmittel im Müll landen.

 

Kirchanschörings Bürgermeister Hans-Jörg Birner, der sich bei diesem Besuch ebenfalls ein Bild von der Abfüllstation machte, betonte, dass „Unverpackt“ genau zum Nachhaltigkeitsprinzip passe, das die Gemeinde Kirchanschöring verfolgt. Dessen Kern sei es, eine Ressource so zu nutzen, dass sie keinen bleibenden Schaden nimmt und auch künftigen Generationen in gleicher Weise zur Verfügung steht. Daher werde etwa bei der aktuell geplanten Baumaßnahme der kommunalen Wohnbaugesellschaft ein großer Wert auf die Lebenszyklusbetrachtung und die Wiederverwertbarkeit der verwendeten Baumaterialien gelegt. Dies werde zudem durch eine ActicPlus-Zertifizierung überwacht. Da man unter anderem auch beim Bürobedarf im Rathaus Wert auf Nachhaltigkeit lege, bestelle und verwende man auch auf diesem Gebiet möglichst nur nachhaltige Artikel. Dies sind beispielsweise Briefumschläge aus Direktrecycling oder Druckerpapier aus hundert prozentigem Recycle Papier, das das Umweltsiegel „Blauer Engel“ trägt. „Es ist auch wirklich schön, dass wir gerade an diesem Ort, dem ehemaligen Edeka-Laden, wieder einen Nahversorger haben.“ Der Bio-Laden der Familie Steinmaßl habe sich mit dem passenden Konzept zu rechten Zeit am gewünschten Ort etabliert. Denn das Ziel Kirchanschörings sei es, den Ortskern zu beleben und leerstehende Gebäude im Ortszentrum sinnvoll und nachhaltig zu nutzen.  

 

Michael Steinmaßl stehe zutiefst hinter dem, was er anbietet. Echte Lebensmittel, die mit Leidenschaft, höchstem Qualitätsanspruch und nachhaltig produziert wurden. „Dadurch übt er mit seinem Angebot und Laden eine Strahlkraft aus, die weit über die Gemeindegrenzen hinausreicht.“

 

"Ziel der Öko-Modellregion ist es aufzuzeigen, wie man einerseits den Anteil an Bio-Anbauflächen erhöhen und andererseits Verbraucherinnen und Verbrauchern mehr regionale Bioprodukte anbieten kann", sagte die Projektleiterin der Öko-Modellregion Waginger See-Rupertiwinkel, Marlene Berger Stöckl. Steinmaßl sei ein guter Partner für die Modellregion, weil er beides verkörpere und kenne: Erzeuger und Verbraucher. „Unverpackt“ und ein hoher Anteil an regionalen Bioprodukten böten auch anderen kleinen Bioläden in der Region eine Chance, meinte Berger-Stöckl.

 

Über die Initiative von Michael Steinmaßl freut sich Beate Rutkowski, die Kreisvorsitzende des Bunds Naturschutz (BN), ganz besonders. Sie ist Mitinitiatorin des Traunsteiner Ernährungsrates, der sich als eine Art Denk- und Diskussionsforum versteht und sich mit allen Fragen rund um das Thema Ernährung beschäftigt. Er ist ebenfalls bestrebt, Erzeuger, Verarbeiter und Konsumenten an einen Tisch zu bringen. Daher liege ihm auch das Thema „Unverpackt“ sehr am Herzen, für das man sich ebenfalls stark mache. „Nun hat mit Michael Steinmaßl endlich ein Händler im Landkreis Traunstein Mut gezeigt und nimmt die Sache in Angriff. Gratulation!“

 

Artikel von Anneliese Caruso, erschienen in der Südostbayerischen Rundschau vom 26.01.2019

 

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