Montag, 07 Mai 2018 11:08

Paradies für Tier und Mensch

|||| |||| Anneliese Caruso||||

Sonnenschein und sommerliche Temperaturen bildeten den geradezu idealen Rahmen eines informativen Frühlingsspaziergangs über den Streuobstanger der Familie von Dr. Lutz Hilgert.

Ziel dieses kostenfreien Flurgangs, der ca. 50 Teilnehmer aller Altersklassen und damit deutlich mehr als erwartet, anlockte, waren die bunten Frühlingsblüher unter den von Sträuchern geschützten Streuobstbäumen des Anwesens. Unterstützt von der Kreisfachberatungsstelle für Gartenkultur und Landschaftspflege am Landratsamt Traunstein hatten die Ökomodellregion Waginger See-Rupertiwinkel und der Landschaftspflegeverband Traunstein, der sich um die Pflege der Bäume kümmert, diese Tour organisiert. Geführt wurde sie von Kreisfachberater Markus Breier und Carsten Voigt vom Landschaftspflegeverband. Während Markus Breier die Gruppe zu den einzelnen Frühblühern führte, die Besonderheiten von bekannten oder unscheinbaren Pflanzen erklärte, Legenden dazu erzählte und die Tricks mancher Blumen für die Bestäubung erläuterte, weihte Carsten Voigt in die Geheimnisse einer intakten Streuobst-Wiesenwelt ein, die ein Wunder der biologischen Vielfalt sind. Dabei wurde auch deutlich, dass wegen der späten Fröste in letzten Frühjahr mancher Apfelbaum weniger trug. Und dass andere Bäume die kalten Nächte relativ gut überstanden haben, was unter anderem am unterschiedlichen Entwicklungsstand der Blüten in den Nächten mit Minusgraden lag. Eine Mischung von früh- und spätblühenden Sorten verringert das Risiko eines Totalausfalls der Ernte bei ungünstigen Witterungsbedingungen.

 

In dem kurzen Zeitfenster, wenn die Bäume noch keine Blätter haben und die Frühjahrssonne den Wiesenboden erreicht, beeilen sich Frühlingsblumen wie die weißen und gelben Buschwindröschen, das Scharbockskraut oder die Schlüsselblumen mit der Blüte. In Wurzelknollen, Wurzelausläufern oder Zwiebeln legen sie dazu schon im Herbst Reserven an, so dass sie im Frühjahr schneller austreiben können. „Die jungen Blätter des Scharbockskrauts, die viel Vitamin C enthalten, galten früher als Heilmittel gegen Skorbut; nach der Blüte werden sie giftig“, sagte Breier. Ein Stückchen weiter wuchs das echte Lungenkraut, dessen Blüten mit der Zeit die Farbe wechseln: jung sind sie zartrosa, später dann violett. „So zeigen sie den Insekten an, wo ein Besuch am verlockendsten ist, und sichern damit ihre Bestäubung.“ In voller Blüte stand die Riesenschar von hochstieligen Wald-Schlüsselblumen. Eine Art, die verschieden gestaltete Blütentypen (Heteromorphie) zur Förderung der Fremdbestäubung hervorbringt. Breier zeigte auch die entsprechend unterschiedlich ausgebildeten Kronen, Kelche, Staubblätter und Narben.

 

Der Name Schlüsselblume deute auf die Blüten hin, die einem alten Schlüssel mit Bart gleichen. Die populäre Legende von Petrus halte bis zum heutigen Tag: Petrus hat im Himmel seinen Schlüsselbund fallen lassen und wo er auf die Erde traf, soll die Schlüsselblume gewachsen sein.

 

Zwischendurch lauschte man auch den Vögeln, die in der Ferne ihr fröhliches Lied zwitscherten, und beobachtete die eine oder andere Biene, die auf der Suche nach Nektar schon eifrig zwischen den Bäumen umherschwirrte. Im Gegensatz zu den Teilnehmern galt ihr Interesse aber nicht dem alten Birnbaum, dessen Knospen sich gerade öffneten und einen wunderbaren Anblick boten. „Auf einer Streuobstwiese werden robuste, lokal bewährte Apfel-, Birnen-, Kirsch-, Nuss- und Zwetschgensorten angebaut, die wenig anfällig gegenüber Krankheiten und Schädlingen sind“, so Carsten Voigt. Wobei er die Kirsche wegen der derzeit weit verbreiteten Schrotschusskrankheit nicht unbedingt empfehle.

 

„Im Sommer spenden uns die großen, alten Bäume wertvollen Schatten. Die extensiv bewirtschafteten Streuobstwiesen sind nicht nur als Lieferanten von sehr geschmackvollem Obst wertvoll, vielmehr zählen sie auch zu den artenreichsten Lebensräumen in unserer Landschaft.“ Durch den Strukturwandel in der Landwirtschaft seien die Streuobstwiesen vielerorts aus der Landschaft verschwunden. Daher fördere nicht nur der Landschaftspflegeverband, sondern auch die Ökomodellregion das Neuanpflanzen von Streuobstbäumen, insbesondere auf Bauernhöfen und in Ortsrandlage. Wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt seien, übernehme der Landschaftspflegeverband die Kosten für die Bäume und das Material, das für das Pflanzen notwendig ist. Zudem biete der Landschaftspflegeverband auch den Auslichtungsschnitt von alten Obstbäumen zur Entlastung und Verjüngung von Baumkronen an. Darüber hinaus stehe der Verband (unter Telefon 0861-58393) auch für Beratungen zu Fragen des Streuobstbaus und der Fördermöglichkeiten als Ansprechpartner zur Verfügung, sagte Voigt, dessen Ausführungen zu Entwicklung, Nutzung, Schutz und Sortenspektrum von Streuobstwiesen den Spaziergang begleiteten.

 

„Obstwiesenbesitzer, die mindestens acht Bäume haben und ihren Ertrag nicht größtenteils selbst verwerten, sondern an Keltereien liefern möchten, haben seit heuer die Möglichkeit, an einer Biosammelzertifizierung für Streuobst teilzunehmen. Jeder konventionelle Landwirt, der einen Streuobstanger hat und bereit ist, ihn nach Biokriterien zu bewirtschaften, kann sich für eine Biosammelzertifizierung beim LPV Traunstein oder auch bei der Ökomodellregion melden. Regionales Bioobst wird mit einem etwas höheren Preis vergütet“, betonte die Projektleiterin der Ökomodellregion, Marlene Berger-Stöckl. „Alle Obstwiesenbesitzer, die Platz für weitere acht Bäume haben oder einen neuen Anger mit mindestens ebenso vielen Bäumen anlegen möchten, können sich beim LPV oder im Büro der Ökomodellregion (unter Telefon 08681-400537) für die Herbstpflanzung melden.“ Die Pflanzaktion des Landschaftspflegeverbands Traunstein laufe seit 2015 gerade in der Ökomodellregion sehr gut und man komme dem Ziel, zunächst 750 Hochstämme als „Halbzeit-Marke“ zu setzen, immer näher, freute sie sich.

 

Nachdem die Gäste noch einige Wildkräuter samt deren Verwendung in der Naturapotheke und in der Küche kennengelernt hatten, lud Familie Hilgert zu einem lauschigen Plätzchen unter den Bäumen, wo sie ein kleines Büffet aufgebaut hatte. Dort lockte Apfelsaft und Apfelmost aus dem eigenen Garten zum Probieren. Das ließen sich auch die Buben und Mädchen nicht entgehen, die sich zuvor an den verschiedenen Naturspielgeräten vergnügten, die auf dem Gelände stehen. Denn der Obstanger der Familie Hilgert an der Götzinger Straße ist nicht nur ein Paradies für Tiere, sondern auch für Menschen. „Arbeit macht auch dieser Garten“, zeigte sich Anni Tahedl, die sich seit Jahrzehnten im Kirchanchöringer Gartenbauverein engagiert, auf dem Nachhauseweg sicher.

 

Artikel vom 21.4. in der SOR von Anneliese Caruso

 

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