Dienstag, 13 März 2018 09:54

Zehn Kommunen üben sich im Schulterschluss - „Miteinander geht es leichter“

|||| |||| ||||

Treffen der ILE-, LEADER- und Ökomodell-Gemeinden – Ziele gemeinsam umsetzen

Fridolfing. ILE, LEADER, Ökomodellregion. Und wenn dann ein Zuschuss noch über ELER fließt, dann schütteln viele Zeitungsleser verwirrt den Kopf. Selbst mancher Gemeinderat spricht von „Förder-Dschungel“ und von immer „neuen Fässern“, die aufgemacht würden. Doch unstrittig haben die Gemeinden und Städte etwas von diesen „Fässern“, nicht nur Geld und Förderung. Nein, es geht bei diesen Regional-Initiativen um eine Gesamtrichtung. Kurz: um mehr Lebensqualität für alle Menschen in der Region und um eine aktive Gestaltung von Land und Zukunft. Das wurde deutlich bei einem großen Treffen von Bürgermeistern und Gemeinderäten der Mitgliedsgemeinden in der Fridolfinger Rupertihalle.

 

„Wir wollen gemeinsam in der Region vorankommen“, schickte Hausherr und Bürgermeister Johann Schild der gemeinsamen Ratssitzung voraus und deshalb wolle man „das Netzwerk weiter verflechten“. Sein Tittmoninger Amtskollege Konrad Schupfner, Vorsitzender der Lokalen Aktionsgruppe (LAG) LEADER Traun-Alz-Salzach, ist überzeugt: „Miteinander geht es leichter.“ Vor allem dann, wenn es um gemeinde- und landkreisübergreifende Projekte geht.

 

Die Ökomodellregion Waginger See Rupertiwinkel

 

Die ÖMR ist die am längsten tätige Initiative. Gestartet 2014 sind inzwischen zehn Gemeinden mit dabei: Fridolfing, Kirchanschöring, Taching, Waging, Tittmoning, Wonneberg und Petting, seit 2016 auch Teisendorf, Saaldorf-Surheim und Laufen. Das Ziel von Bayern Landwirtschaftsminister Helmut Brunner beim Start der Initiative: 20 Prozent Biolandbau bis 2020 in Bayern. Dieser Wert ist nicht mehr zu erreichen. Inzwischen spricht man von einer Verdoppelung auf rund 13 Prozent. Die hiesige Ökomodellregion war von Beginn an bestrebt, die konventionell wirtschaftenden Betriebe mit einzubinden. Nicht zuletzt auf Wunsch vieler Bürgermeister.

 

Gleichwohl lässt Marlene Berger-Stöckl als Verantwortliche keinen Zweifel aufkommen, wohin der Weg gehen soll. Bio als Chance für Landwirte, Verbraucher, Bürger, Gemeinden. Denn Bio bedeutet weniger Phosphor, was gut ist für die Umwelt, das Wasser und das Klima. Sechs Arbeitsgruppen kümmern sich um verschiedenste Aspekte. „Bei Biofleisch sind wir auf einem guten Weg“, meinte Berger-Stöckl, zögerte zunächst und verriet es dann doch: „Es sieht gut aus bei dem Bestreben, den Laufener Schlachthof biozertifizieren zu lassen.“ Das biete Chancen für die ganze „Kette“, für eine Vermarktung in der Region. Die überregionale Vermarktung funktioniere gut, regional jedoch sei das „nicht so einfach.“

 

Schwierig war zuletzt auch der Absatz von Biomilch. Die verarbeitenden Molkereien nahmen kaum noch neue Zulieferer auf. Mit der Berliner Milchhandelsgesellschaft tun sich nun neue Chancen auf. Kleine Biokäserein haben sich inzwischen unter einem Dach zusammengefunden. 150 Tonnen Bio-Braugerste hat man im vergangenen Jahr geerntet, daneben 500 Tonnen Dinkel und 1000 Tonnen Hafer, im Rahmen der Barnhouse-Liefergemeinschaft. Den Laufener Landweizen bauen bereits sieben Bauern an. Zusammen mit der Brauerei Stein konnte ein biozertifiziertes Getreidelager geschaffen werden. Biozertifizierte Gastronomen haben sich zu einem Netzwerk zusammengeschlossen. Mehr als 25 Direktvermarkter beliefern Kunden in der Region.

 

„Es entwickelt sich so viel“, berichtete Berger-Stöckl. Zum Beispiel beim regionalen Eiweiß als Viehfutter anstatt importiertem Soja. Mehr als 600 Bäume hat man in Streuobstwiesen gepflanzt. Kommunen verzichten auf ihren Flächen auf Pestizide. Rund 120 Bürger hatten sich an der Erarbeitung eines Tourismuskonzeptes mit Schwerpunktthemen beteiligt. Die Projektleiterin ist überzeugt, dass das Image der Region nach den Negativ-Schlagzeilen rund um den Waginger See wieder deutlich besser geworden ist. Wichtig ist ihr der regelmäßige Erfahrungsaustausch, ob mit den Bauern, den Partnern in der ILE, aber auch mit dem Amt für Landwirtschaft, Ernährung und Forsten.

 

Mit rund sieben Prozent an Biobetrieben und etwa sieben Prozent an landwirtschaftlicher Fläche war die ÖMR gestartet, heute sind es mehr als zehn Prozent. 2017 waren zehn Betriebe dazu gekommen, für 2018 sind elf neu gemeldet, davon allein fünf in der Gemeinde Saaldorf-Surheim. Insgesamt sind es etwa 130.

 

Nachholbedarf erkennt der Tittmoninger Stadtrat und Biobauer Hans Glück bei den Kommunen, etwa wenn es um die Neuverpachtung von Flächen in öffentlichem Besitz geht. „Es sind Biobetriebe da, die Flächen brauchen“, weiß Glück, der sich um die Zukunft sorgt, denn das geförderte Projekt ÖMR läuft im April 2019 aus. Glücks Appell für ein Weitermachen: „Das muss es uns wert sein.“

 

ILE – Integrierte Ländliche Entwicklung

 

Das lokale Projekt ILE Waginger See Rupertiwinkel startete im November 2015. Gefördert wird es vom Amt für ländliche Entwicklung. Die Umsetzungsbegleiterin ist Alexandra Huber mit einem Büro im Kirchanschöringer Rathaus. Mit dabei sind die Gemeinden Fridolfing, Petting, Taching, Kirchanschöring, Waging, Tittmoning und Wonneberg. 

 

In Arbeit ist derzeit ein Kernwegenetzkonzept mit insgesamt 83 Kilometern. Dabei sollen mit einer Förderung von 50 Prozent bestehende Gemeindestraßen auf 3,5 Meter Breite ausgebaut werden, plus Bankett und einem dauerhaften Unterbau. Bis 2024 will man das umsetzen. Biotopvernetzung als Beitrag zum Artenschutz und zum Landschaftsbild ist ein weiteres großes Ziel. Auch dafür braucht es Datengrundlagen. Für Mai ist ein Exkursionstermin gemeinsam mit dem Bayerischen Bauernverband anvisiert.

 

Zum Tag des Baumes am 25. April soll in den Gemeinden der Baum des Jahres – die Esskastanie – gepflanzt werden. „Bitte denken Sie über geeignete Standorte nach“, bat Huber die Zuhörer. Gefördert werden auch Kleinprojekte, etwa Workshops, wenn es um nachhaltige Beschaffung geht, oder ökologisches Bauen. Dazu wird es eine Vortragsreihe geben. Zusammen mit der Ökomodellregion und LEADER hat man im vergangen Jahr einen Wiesenwettbewerb ausgeschrieben. 21 Wiesen, verteilt über fast alle zehn ÖMR-Gemeinden waren zu begutachten, ehe eine Jury die Preisträger kürte.

 

Besucht hat die lokale ILE eine von sieben weiteren in Oberbayern: Die ILE Ilzer Land. „Über den Tellerrand schauen“, sagte Huber dazu. Hochkarätige Vorträge – etwa zum Klimawandel - rundeten das Angebot ab. Noch in der „Warteschleife“ sieht die Organisatorin ein ökologisches Grünflächen-Pflegekonzept und die Hochwasser-Vorsorge. Soziales Engagement der Jugend ist ein weiteres Thema. Flächenverbrauch, Mobilität und alternative Wohnformen sind Themenfelder bis 2020. Zu Letzterem läuft in Kirchanschöring ein Pilotprojekt.

 

LEADER-Aktionsgruppe Traun-Alz-Salzach

 

LEADER ist eine Abkürzung aus dem Französischen: Liaison entre les actions de developement de l’economie rurale. Auf Deutsch: Verbindung zwischen Aktionen zur ländlichen Wirtschaft. Akteure sind hier die lokalen Aktionsgruppen (LAGs). Die Projektmanagerin Elke Ott sitzt im Tittmoninger Rathaus. Dieses Programm für die Jahre 2014 bis 2020 hat den größten räumlichen Umgriff. Die zehn Gemeinden aus dem Landkreis Traunstein sind: Tittmoning, Waging, Taching, Fridolfing, Kirchanschöring, Palling, Trostberg, Traunreut, Wonneberg und Petting. Dazu die fünf Gemeinden Tyrlaching, Kirchweidach, Feichten, Garching und Halsbach auf Altöttinger Kreisgebiet. Das Berchtesgadener Land ist eine eigene LEADER-Region.

 

Ott nannte drei Entwicklungsziele. Ziel 1 ist die Vernetzung von Kultur, Tourismus und Freizeit. Dazu gehört die Stärkung der Regionalkultur, die Schaffung eines Wegesystems und die Entwicklung zukunftsfähiger Freizeit- und Tourismusangebote. In Ziel 2 geht es um den demografischen Wandel, die Daseinsvorsorge und die Mobilität. Im Programm unter anderem Förderung von Dorfgemeinschaften und Innenentwicklung. Der Erhalt der Natur- und Kulturlandschaft ist als 3. Ziel definiert.

 

Aus LEADER-Mitteln flossen zum Beispiel 200 000 Euro in das Vereinsheim Schönram, 190 000 Euro in den Dorfstadel Brünning, 7 800 Euro in eine Machbarkeitsstudie zu einem Seegrundstück in Kühnhausen. 28 500 Euro gab es für den Schaubienenstand in Kirchanschöring. Insgesamt stehen 1,1 Million Euro für Einzelprojekte zur Verfügung, 400 000 Euro sind es für Kooperationsprojekte wie etwa das Radwegenetz Inn-Salzach und das Wanderwegenetz Region Alz-Inn-Salzach und Berchtesgadener Land. „Eine schwere Geburt“, sagte Ott über das 24 Gemeinden umfassende Vorhaben. Noch im März findet die Auftaktveranstaltung statt.

 

Insgesamt hat Ott noch 550 000 Euro an Fördermitteln übrig. „Wir wollen möglichst keine zurückgeben“, betonte Managerin und bat die Zuhörer, sich mit „schönen Ideen“ an sie zu wenden. Für besonderes Bürgerengagement steht zusätzlich ein Topf von 20 000 Euro zur Verfügung. Dieses Angebot richtet sich in erster Linie an Vereine. Auch Ott lobte die Zusammenarbeit zwischen den Initiativen und den sich überschneidenden Projekten. „Wir wollen ja nicht etwas doppelt machen.“ Daher finden sich all die Initiativen auf einer gemeinsamen Homepage unter  www.wagingersee-rupertiwinkel.de .

 

„Die drei arbeiten mit Herzblut für uns alle“, würdigte Hans-Jörg Birner das Engagement der Referentinnen. Der Kirchanschöringer Bürgermeister sieht in diesen Aktionen einen „Mehrwert für die Region“, einzelne Gemeinden hätten nie und nimmer die Ressourcen dafür. „Und manches lässt sich nur gemeinsam lösen – ohne seine Identität aufzugeben.“ Mehrfach fiel an diesem Abend die Formulierung „wir sind auf einem guten Weg.“ Birner, den sein Kollege Schupfner als einer der Motoren würdigte, freut sich „auf weitere Jahre erfolgreicher Zusammenarbeit.“ Das eingangs erwähnte ELER ist ein Europäischer Landwirtschaftsfond zur Entwicklung des ländlichen Raumes. Daraus erhält zum Beispiel die Gemeinde Petting 135 000 Euro für die Schaffung eines Dorfparks.

 

Artikel vom 07.03.2018 in der SOR, von Hannes Höfer

 

Weitere Informationen

Gelesen 171 mal Letzte Änderung am Dienstag, 13 März 2018 10:16