Konventionelle Milchkrise - Ausweg Ökolandbau ?
Der konventionelle Milchmarkt steckt in einer tiefen Krise. Die bis vor kurzem unversöhnlichen Lager der Marktliberalen auf der einen und Steuerungsanhänger (Quote, Mengenregulierung) auf der anderen Seite sprechen miteinander. Allein eine Lösung ist noch nicht in Sicht. Kurzfristig versprochene Pflaster wie die von Minister Schmidt angekündigten 100 Mio + x € für 75.000 deutsche Milchviehbetriebe werden sicherlich das Grundproblem nicht beseitigen. Und das Grundproblem heißt auch ohne Berücksichtigung der geringen Russland und Asienexporte schlicht und einfach: in Europa ist zu viel Milch im Angebot. Die Auswirkungen sind aktuell im konv. Bereich verheerend - die Gründe warum es so weit gekommen ist, sind vielschichtig. Jetzt diskutierte schnelle Lösungen wird es nicht geben. Gute Ideen die z.B. der Öko Dachverband BÖLW in die Diskussion einbringt wie „grasbasierte Fütterung“ und „Tierplatz/ Liegeplatzbindung 1:1 “ sind wenn sie denn mehrheitsfähig würden eher mittel- bis langfristige Lösungsansätze. Folgendes ist aber allen sehr klar. Es wird keine von der Politik verordnete Lösung geben die in Europa mehrheitsfähig ist. Erzeuger und Molkereien und in gewisser Weise auch der Handel müssen an zukünftigen Modellen gemeinsam arbeiten. Nationale oder Molkerei individuelle Lösungen werden nichts bringen, wenn es keine europäische Gesamtlösung gibt und das bleibt wohl erstmal eine Vision da die Vorstellungen der unterschiedlichen europäischen Länder zu weit auseinander liegen und sich sogar innerhalb von einzelnen Ortschaften eines Landes keine eindeutigen Mehrheiten abzeichnen.
Einige Betriebe suchen einen Ausweg in der Umstellung auf ökologischen Landbau bzw. haben dies seit der Jahreswende getan. Das ist natürlich und darüber sind sich alle im Klaren keine Lösung der konventionellen Krise sondern ein individueller Pfad der sowieso nicht für jeden gangbar ist. Die Umstellungszahlen sind 2016 in Deutschland aber auch in anderen europäischen Ländern allen voran in Österreich und Dänemark erstmals seit 3 Jahren wieder auf einem hohen Niveau. Angesichts dieser Situation fragen sich alle Ökomilchviehbetriebe ob wir im Biobereich nicht bald eine ähnliche Situation haben werden wie dies konventionell der Fall ist. Um das beantworten zu können und die Gesamtsituation einschätzen zu können muss man zunächst mal einen Rückblick machen.
Situation in Deutschland und angrenzenden Ländern bis Ende 2015
Der deutsche Biomilchmarkt wächst seit Jahren stetig mit je nach Jahr zwischen 5 %- 10%. In 2015 lag die Gesamtnachfrage bei ca. 900 Mio kg. Deutschland konnte bis dato noch nie die nachgefragte Menge im Inland selbst erzeugen. 2015 mussten ca. 150 Mio kg importiert werden. Diese kamen zu 2/3 mit ca. 100 Mio kg aus Österreich und 1/3 mit ca. 50 Mio kg aus Dänemark. Europaweit waren damit die Biomilchmengen komplett gut im Markt untergebracht - es gab bis auf saisonale Schwankungen eher ein Unterangebot, was den Preis überall stabilisierte. In Deutschland lag der durchschnittliche monatliche Auszahlungspreis seit Anfang 2014 immer über 47,5 cent netto. In dieser Zeit ist der konventionelle Milchpreis bis auf 28,3 cent im Dezember 2015 und aktuell noch darunter abgesunken. Der daraus errechnete Biozuschlag lag am Jahresende bei 20,4 cent., im Mai war der durchschnittliche Öko Preis doppelt so hoch wie der konventionelle. Verständlich, dass sich spätestens im Januar 2016 Betriebe für die eine Umstellung machbar erschien nach intensiver Beratung auf einen anderen Weg begaben. Wir bei Naturland haben hier den umstellungswilligen Betrieben immer klar ein realistisches Bild vermittelt. In der Rückschau gab es auch immer Zeiten mit deutlich unter 10 cent Bio-Zuschlag und im 10 jährigen Durchschnitt des Milchpreisunterschiedes Öko- Konventionell erzielt man etwa 10 cent.
Umstellung und Milchanlieferung 2016 und 2017
Es gibt derzeit keine offiziellen und verlässlichen Zahlen über die inländischen Umsteller und deren zukünftigen Biomilchmengen. Die AMI rechnet mit 60 Mio kg für 2016 und 90 Mio kg für 2017. Eine eigene Abfrage bei einem Großteil der für den Gesamtmarkt wichtigen Öko-Molkereien hat ergeben, dass man eher mit etwas mehr Milch ( gesamt ca. 200 Mio) bis Ende 2017/ Anfang 2018 rechnen muss.
Dazu kommt dass auch bei den bestehenden Öko-Milchviehbetrieben seit 2015 die Anlieferungsmenge bei verschiedenen Molkereien mit 5 - 8 % stärker als in den Vorjahren gestiegen ist. Bei einer in Deutschland erzeugten Milchmenge von 750 Mio ( 900 Mio – 150 Mio Importe) sind 8% mehr Milch von bestehenden Bio Bauern auch etwa 60 Mio kg mehr an Milch. Möglicherwiese war das nur ein einmaliger Ausschlag, weil die Winterfuttersituation in 2015/16 sehr gut war, die Molkereien signalisiert hatten dass sie die Ökomilch sehr gut im Markt unterbringen können und die Frischgrasfütterung 2016 in vielen Regionen Deutschlands früher eingesetzt hatte als sonst. Aber vielleicht war es einfach auch der gute Preis der die Menge nach sich gezogen hat.
Für die beiden Importländer Österreich und Dänemark liegen Voraussagen der Zuwächse vor die sich zwischen 100 und 150 Mio kg für die nächsten zwei Jahre bewegen. Diese Mengen werden wie in der Vergangenheit auch schon größtenteils den europäischen und hier vor allem den deutschen Markt suchen und bei einem aktuell fast 5 cent niedrigeren Preisniveau vermutlich auch finden ( zusätzlich zu 150 Mio bereits jetzt exportierter Milch). Aus Gesprächen mit Verantwortlichen der Szene konnte man entnehmen dass das bewusst so geplant war. Mittlerweile hat sich auch in Österreich die Erkenntnis durchgesetzt dass der Biomilchkessel überhitzen könnte und in Österreich jetzt schon zu viel Bio Milch am Markt ist . Alle für den Markt wesentlichen österreichischen Molkereien nehmen keine Neuumsteller mehr auf. Für Österreich gilt relativierend dass nach Ablauf des Jahres 2016 für vier weitere Jahre keine ÖPUL Verträge mehr neu abgeschlossen werden können. Insofern wird sich die Österreichische Milch bis Ende 2017 stark erhöhen, danach bis 2020 aber nur noch geringfügig.
Voraussichtliche Mengenentwicklungen im Markt für die Folgejahre
Die Angebotsseite wurde oben ausführlich beschrieben. Für eine zukünftige Abschätzung sollte man berücksichtigen dass wenn österreichisch und dänische Öko-Milch ( etwa 150 Mio) durch deutsche Milch ersetzt werden diese trotzdem weiterhin am europäischen Markt angeboten werden. Man kann also Mengen nicht nur auf Molkerei Ebene oder auf nationaler hier deutscher Ebene betrachten.
Was aber macht die Nachfrageseite? Die Wachstumsrate lag nachfrageseitig 2015 im Vergleich zu 2014 bei fast 10 %. In den Vorjahren waren es zwischen 5 und 8 %. Für die Folgejahre erscheint eine konstante fortlaufende Nachfragesteigerung absolut in Höhe 70 Mio kg pro Jahr zurückhaltend realistisch.
Aktuell nehmen fast keine deutschen Molkereien weitere Öko-Betriebe auf, so dass sich auch nach 2017 die Gesamtmenge nur geringfügig erhöhen wird.
Die inländische Produktion wird ab spätestens 2017 die inländische Nachfrage in etwa decken können, was ja grundsätzlich eine wünschenswerte Entwicklung ist. Bisherigen Milch Importmengen von 150 Mio und deutsche Absatzsteigerungen in 2016 und 2017 von geschätzten 100-140 Mio ( die Zahl kann natürlich stark variieren und ist stark spekulativ) stehen in etwa Produktionssteigerungen von ca. 200 Mio von Neubetrieben sowie 60 Mio von bestehenden Öko Betrieben ( Betriebswachstum, Leistungssteigerung) entgegen. Rein rechnerisch ergibt sich daraus eine ausgeglichene Mengensituation in Deutschland ( 100% Selbstversorgung mit Öko Milch). Die bis dato ohnehin hohen Importmengen ( 150 Mio) werden aber wie oben bereits angedeutet trotzdem Ihren Weg in den Markt suchen. Und wir müssen damit rechnen, dass sich die Ökomilch exportierenden Länder nicht in unserem Sinne vernünftig verhalten. D.h. es könnte passieren, dass zusätzliche große Milchmengen aus den Nachbarländern zu niedrigeren Preisen bei uns auf den Markt drücken und unser aktuell gutes Preisniveau gefährden. Erste Anzeichen dafür gibt es bereits. Die Molkereien in Österreich haben wie schon erwähnt im April den Biomilchpreis auf durchschnittlich 43 cent abgesenkt- mehr als 5 cent unter dem von der AMI für den März 2016 ermittelten Durchschnittspreis in Deutschland in Höhe von 48,7 cent. . Die Öko-Magermilchpreise sind aktuell spürbar gesunken. Nach Aussage von einigen Verarbeitern wird es diesbezüglich erstmal keine Erholung geben. Und einige Discounter haben im März ihre BioMilchpreise deutlich abgesenkt. Bei ALDI purzelte der Liter H-Milch um 8 cent die 250 g Butter um 10 cent, die gleiche Menge Quark war mit 6 cent betroffen. Andere Discounter werden nach Meinung der AMI folgen. Verantwortlich dafür dürften billige Bio-Milchimporte aus Österreich für Süddeutschland und aus Dänemark und Schweden für Norddeutschland sein.
Zusammenfassung unter dem Aspekt der Preislupe
Deutschland entwickelt sich zum 100% Selbst- Versorger- Land hinsichtlich Öko Milch. Dies ist aus Gründen der Regionalität und transportbedingter Emissionen sehr positiv. Andererseits werden bisher importierte Milchmengen als Rohmilch ( Spot Milch) oder als abgefüllte Milch im Discount trotzdem weiter angeboten.
Während wir seit 2014 bis ins Jahr 2016 stabile Preise auf hohem Niveau hatten, zeigt sich Mitte des Jahres 2016 die Tendenz eines beginnenden Angebotsüberhanges vor allem aus Österreich. Regional und bei einzelnen Molkereien sind abhängig von deren individueller Vermarktungssituation erste Preisnachlässe im Bereich bis zu 2 cent bereits erfolgt. Was 2017 geschehen wird ist aktuell von zu vielen Unwägbarkeiten abhängig weswegen sich eine seriöse Preisprognose verbietet.
Der Idealfall wäre dass die Inlandsnachfrage wie von der AMI erwartet mit 100 Mio kg jährlich steigen würde, dies würde dazu führen dass sich bereits 2018 wieder eine stabile europäische Marktsituation wie 2015 einstellt. Es kann aber auch weniger positiv kommen: Der hohe Preisunterschied von konventioneller und öko Milch führt zu weniger Öko Wachstum wie geplant und Übermengen bleiben länger bestehen. In so fern kann die konventionelle Preisentwicklung bzw. die Preisabstände sich trotz eigenständigem Ökopreis auf diesen auswirken.
Schlussfolgerungen
Auch der Verlauf der Öko-Milchmengenentwicklung ist kaum steuerbar. Deutsche Molkereien haben die Zeichen erkannt und zum Teil schon zum ersten Jahresdrittel die Aufnahme weiterer Umsteller gestoppt. In Deutschland ist bald eine 100% Selbstversorgung mit Öko Milch erreicht. Was aus den beiden großen BioMilch-Importländern Österreich und Dänemark zukünftig kommt ist außerhalb unseres Einflussbereiches. In der Zwischenzeit wurden auch von österreichischen Molkereien Aufnahmestopps verkündet. Bei optimistischen Markt und Mengenprognosen kommen Angebot und Nachfrage bald ins Gleichgewicht. Bei pessimistischen entstehen längere Zeit strukturelle Mengenüberhänge vor allem aus Österreich und Dänemark. Hierunter würden dann eher die Molkereien mit Spotmilchverkauf bzw. mit „no name“ Produkten im Discount leiden. Verbands ausgezeichnete Produkte, regionale Öko-Milchmarken sowie starke Öko-Eigenmarken der Molkereien werden ihren Bauern einen höheren Preis sichern.
Der Naturland Verband und die angeschlossenen Fachberatungen haben sich bereits seit Anfang letzten Jahres 2015) mit der Thematik auseinander gesetzt und keinem Betrieb die Umstellung empfohlen wenn er nicht eine konkrete Molkereizusage hatte. In enger Abstimmung mit den das Naturland Zeichen nutzenden Molkereien wurden die aufgenommenen Mengen abgestimmt um Übermengen zu vermeiden. Für diese Naturland Partner und mit Ihnen die Naturlandbauern wird der Druck in einem pessimistischen Scenario geringer ausfallen. Dort wo es Einflussmöglichkeiten gibt sollte man diese aber trotzdem nutzen um den Preis stabil zu halten. Dazu gehören folgende Instrumente und Aspekte die wir zusammen mit unseren Naturland Partnern spielen müssen:
- Molkerei-Eigenmarken weiter entwickeln und Unterschiede zu anonymer Öko Ware herausarbeiten
- Regionale Marken stärken
- An den Markt angepasste Mengenentwicklungen
Unter stärkeren Preisdruck werden, in einem pessimistischen Scenario, zuerst die Molkereien und damit Ihre Lieferanten kommen die gerade ganz neu eingestiegen sind und noch keine Öko Marken haben, die große Anteile der Milch nur als Rohstoff handeln und wenig Preis verlässliche Abnehmer ( Discount) haben. Aber vielleicht wird ja auch das optimistische Scenario Wirklichkeit……
Stephan Scholz, Peter Manusch