Die Serie der Heimatzeitung „Heimat und Geschichte“: Korbinian Rutz befehligte im Ersten Weltkrieg eine Kompanie. Er klärte Widersprüche der NS-Propaganda auf und kam ins KZ.
Von Josef A. Standl
Wonneberg. Nun sind die Lebensgeschichte von Korbinian Rutz, Hauptmann im Ersten Weltkrieg, und die Umstände im Verhältnis zu seinem Gefreiten Adolf Hitler wissenschaftlich erforscht und sein Umfeld, in dem er zwölf Jahre als Lehrer in St. Leonhard wirkte, lokalhistorisch dargelegt.
Korbinia Rutz selbst war daran nicht mehr daran interessiert, seinen Einsatz im Ersten Weltkrieg von sich aus zu veröffentlichen; er war ein „gebranntes Kind“. Noch vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten hatten diese mit ihrer Propagandamaschinerie prahlerisch die Tapferkeit von Hitler an der Front im Ersten Weltkrieg bis ins letzte unwahre Detail publiziert. Der frühere Kompaniekommandant Rutz hatte dies sodann am April 1932, noch vor der Machtübernahme, in einer antinationalsozialistisch eingestellten Zeitschrift zurechtgerückt und hat öffentlich gefragt: „Warum ist Hitler Gefreiter geblieben und nichts geworden? Weil er lieber den im größten Teil sicheren Aufenthalt hinter der Front in Kauf nahm, als die dauernde Unsicherheit in vorderster Linie." 1933 nahm die Gestapo gleich nach der Machtübernahme Rutz fest und steckte ihn für mehr als drei Monate ins KZ Dachau. Vorzeitig zwangspensioniert, aber immerhin nicht ermordet, überlebte Rutz den Zweiten Weltkrieg und wurde nach 1945 rehabilitiert. Der Gerechtigkeitsfanatiger hatte nach dem Freikommen aus dem KZ Dachau mit seiner Unterschrift erklären müssen, nie wieder darüber zu sprechen, dass sein untergebener Gefreite Adolf Hitler auch nicht annähernd im Ersten Weltkrieg so tapfer gewesen sei, wie die NS-Propaganda weismachen wollte. Er war auch nach dem Zweiten Weltkrieg bis zu seinem Lebensende im Jahre 1958 einer, der im Stillen seinen Lebensabend verbrachte.
Lügen wissenschaftlich widerlegt
Der deutsche Historiker Thomas Weber erforschte als Erster bereits 2010 diese Umstände und hat sie in einem 466 Seiten starken Buch in Englisch unter dem Titel „Hitlers First War“ und sodann auch in deutscher Übersetzung veröffentlicht. Weber: „Hitler war kein ,Frontschwein’ wie er behauptete, sondern eher ein ,Etappenhengst’; er war einer, der den Kampf an der Front vermied“. In seinem Buch „Mein Kampf“ hat Hitler nur 25 Zeilen über sein erstes Fronterlebnis geschrieben, und zwar über jene Etappe bei der Einnahme des Dorfes Geluveld in Flandern. Während der „Feuertaufe“ Ende Oktober 1914 sei das 16. Bayerische Reserve-Infanterieregiment unter Oberst Julius List mit dem Lied „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt!“ vorgestürmt, behauptete Hitler. „Nach vier Tagen kehrten wir zurück“, schrieb er: „Die Freiwilligen des Regiments List hatten vielleicht nicht recht kämpfen gelernt, allein zu sterben wussten sie wie alte Soldaten. Der Kampf wog schwer“. Bei diesem Kampf, dem einzigen, den Hitler mitmachen musste, hatten die Deutschen die Oberhand, weil den Engländern letztlich die Munition und auch die Kraft fehlten. Im Zweikampf alleine am 29. Oktober waren allerdings die Briten erfahrener; darin fehlte es den deutschen Neulingen. Hitler: „Im Kampf Mann gegen Mann gab es auf deutscher Seite 349 Tote“. Seiner Darstellung in einem Brief von 1915 zufolge war er der einzige Überlebende seines Zuges: „Von meinem ganzen Haufen bleibt nur mehr einer übrig außer mir, endlich fällt auch der.“ Doch dabei handelt es sich um eine „gewaltige Übertreibung“, stellt Weber fest. Er hat die Wirklichkeit in den Aufzeichnungen des Regimentsstabes aufgedeckt: „Am 29. Oktober 1914 fielen aus der ganzen ersten Kompanie, zu der Hitlers Zug gehörte, genau 13 Mann“. In „Mein Kampf“ folgt auf die Beschreibung der „Feuertaufe“ ein Satz, der in Anbetracht der Lügen des Führers bereits hier in der „NS-Bibel“ gelogen ist: „Das war der Beginn. So ging es nun weiter Jahr für Jahr; an die Stelle der Schlachtenromantik aber war das Grauen getreten.“ In Wirklichkeit war der Sturm auf Geluveld die einzige Kampfhandlung an der Front, die Hitler mitmachte: Er ließ sich bald danach, mit Wirkung vom 9. November 1914, zum Stab des 16. Reserve-Infanterieregiments versetzen, als Meldegänger. Auf den elf weiteren Seiten in „Mein Kampf“, die das Kapitel „Der Weltkrieg“ hat, findet sich kein einziges weiteres Detail mehr über Erlebnisse an der Front.
Ein sehr strenger Lehrer in St. Leonhard
Der Wonneberger Heimatforscher und früherer Rektor Karl Parzinger berichtet über den Lehrer Korbinian Rutz und dessen Wirken in Wonneberg; beruft sich dabei auf Unterlagen des Ortsheimatforschers Leonhard Wimmer, gestorben 2004, der seine Forschungen 1981 in der Beilage zum Kirchenanzeiger veröffentlich hatte. Dort schrieb er: „Am 1. Mai 1907 trat Korbinian Rutz die Lehrerstelle in St. Leonhard an. Er hatte mit seiner Frau Wilhelmine zwei Söhne: Hans und Otmar. Der erste Expositus Karl Reiter vermerkt über ihn im Familienbuch: ,Ein brillanter Musiker!’. Rutz war also ein hervorragender Leiter des Leonharder Kirchenchores und es wird berichtet, dass er oft zusammen mit einigen Mitgliedern des Kirchenchores nach Traunstein eingeladen wurde, um bei größeren Feierlichkeiten im Chor der Stadtpfarrkirche mitzuwirken. Über seine Frau Wilhelmine ist vermerkt: religiös vollständig indifferent, geht nie in die Kirche, starb im Oktober 1919 im Alter von nur 35 Jahren, ließ sich verbrennen! Trotz ihrer Einstellung erteilte sie in der Schule Handarbeitsunterricht – für 30 Mark im Halbjahr, wie ihre Vorgängerin Frau Templer. Der Sohn Otmar starb 1923 in Mittenwald durch Bergabsturz. 1919 wurde Rutz nach Polling im Schongau versetzt“.
In der Chronik wird auch der Charakter von Rutz beschrieben: Es ist mündlich überliefert, dass er ein strenger, aber gerechter Lehrer gewesen ist. Die Korrektheit forderte er auch bei den St. Leonharder Chorsängerinnen ein. Die zwölf Frauen hatten volle Konzentration und bestmögliche Treffsicherheit sowie Klangreinheit zu liefern. War dies nicht immer der Fall, so hat er bei einem lateinischen Hochamt in der Wallfahrtskirche ein fehlerhaft gesungenes Gloria mittendrin abgebrochen von vorne beginnen lassen. Dieselbe Strenge verfolgte er auch in seiner Schulklasse, die mitunter damals an die 50 Schüler und Schülerinnen umfasste. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges wurde Rutz zum Militär eingezogen. Anfangs diente er als Meldegänger, war aber wegen seiner Kaltblütigkeiit bald zum Kompaniechef aufgestiegen. Er wurde mehrmals verwundet und hoch dekoriert. Nach Kriegsende kehrte er auf seinen alten Posten im Rupertiwinkel zurück. Im Jahre 1919 ließ er sich in den Schongau versetzen, wahrscheinlich war der frühe Tod seiner Frau auslösendes Moment.
HEIMATKUNDLER ERFORSCHEN WIRKEN VON KORBINIAN RUTZ
Wonneberg, Waging. Lange wurde die Biografie des früheren St. Leonharder Lehrers Korbinian Rutz nicht beachtet. Er selbst war offenbar traumatisiert durch seinen Dachau-Aufenthalt. Er hatte im April 1932, noch vor der Machtübernahme der Nazis eine Richtigstellung zu Hitlers prahlerischen nicht korrekten Aussagen in einer sozialdemokratischen Zeitung veröffentlicht. Mit der Machtübernahme kam er ins KZ Dachau. Über Jahrzehnte beschäftigte sich die Öffentlichkeit und besonders auch die Wissenschaft nicht mit der allgemeinen Aufarbeitung des „Aktes Rutz“. Erst spät untersuchte der Historiker Thomas Weber gezielt das Verhältnis von Rutz und Hitler im Ersten Weltkrieg und die Falschaussagen des Politikers.
Mit seinem Buch „Hitlers erster Krieg“ erregte Weber 2010 erstmals internationales Aufsehen. Anhand einer Fülle neuer Quellen konnte er darlegen, dass Hitlers Rolle im Ersten Weltkrieg ganz anders aussah als von der NS-Propaganda und offenbar von den Hitler-Biographen geschildert. Damit wurden die Feststellungen von Hauptmann Korbinian Rutz im Ersten Weltkrieg rehabilitiert. Dieser wirkte von 1907 bis 1914 als Lehrer an der Volksschule in St. Leonhard, Gemeinde Wonneberg.
Die Heimatzeitung besuchte Johann Maier in Unterwendling, Gemeinde Wonneberg. Er gehört auch dem Kreis der Heimatfreunde von Waging mit dem Ortschronisten und Vorsitzenden des Vereines für Heimatpflege, Franz Patzelt an, der mehr als 30 Heimathefte und große Teile in den Waginger Heimatbüchern geschrieben hat. In einem dieser Heimathefte des Jahres 2012 bearbeitet er das Thema. Unter dem Titel „Korbinian Rutz – ein mutiger Mann“ ordnet Patzelt als Heimatforscher die Lehrerpersönlichkeit und sein Umfeld im Ersten Weltkrieg, sein Wirken in Wonneberg und die Zeit hernach nach der Übersiedlung nach Polling auch lokalhistorisch ein.
Johann Maier liegen die Arbeiten seines Kollegen Patzelt in Kopien vor. Darüber hinaus hat Maier eine große Sammlung über Lutz angelegt und er kann über alle Details in diesem Zusammenhang berichten. Digital und analog legt er alle sammelnswerten Dokumente, Fotos und Fakten vor, die über Rutz möglich sind, diese reichen von Urkundenkopien, Fotos und bis zum Sterbebild. Die Daten füllen mehrere Festplatten und viele Ortner. – jost
Weitere Informationen zu Korbinian Rutz auf dem Wonneberger Medienserver