Donnerstag, 13 April 2017 18:10

Urlaub in einer ganz besonderen Landschaft

Von der Landschaftspflege zur vielgefragten Tourismus-Expertin: Professor Dr. Ulrike Pröbstl-Haider. Foto: Hannes Höfer|Tittmonings Bürgermeister Konrad Schupfner im Gespräch mit Dr. Ulrike Pröbstl-Haider. Fotos: Hannes Höfer|Keine leichte Wahl an den Tafeln. Die Bürgermeister Thomas Gassner (2. von links) und Bernhard Kern überlegen. Foto: Hannes Höfer||| Von der Landschaftspflege zur vielgefragten Tourismus-Expertin: Professor Dr. Ulrike Pröbstl-Haider. Foto: Hannes Höfer|Tittmonings Bürgermeister Konrad Schupfner im Gespräch mit Dr. Ulrike Pröbstl-Haider. Fotos: Hannes Höfer|Keine leichte Wahl an den Tafeln. Die Bürgermeister Thomas Gassner (2. von links) und Bernhard Kern überlegen. Foto: Hannes Höfer||| Höfer|Höfer|Höfer|||

Ökomodellregion sucht Tourismuskonzept – Auswahl der Favoriten – Nicht alle sind überzeugt

Petting. Für manchen ist es ein Katalog, ein Sammelsurium an Ideen und Vorschlägen. Für andere ein weiterer wichtiger Schritt hin zu einem Tourismuskonzept für die Ökomodellregion Waginger See / Rupertiwinkel (ÖMR). 50 mögliche Projekte und Einzelmaßnahmen listete Professor Dr. Ulrike Pröbstl-Haider im Pettinger Gasthaus Riedler auf 99 Seiten auf. „Fast alles davon kommt aus Ihren Reihen“, hielt sie den kritischen Stimmen aus den Reihen von Bürgermeistern, Tourismusmanagern und Geschäftsleitern entgegen. Am Ende durfte jeder insgesamt zehn Stimmen in vier Kategorien vergeben. Die Favoriten unter den Vorschlägen: Eine Bier-Radltour, Bio in der Gastronomie, qualifizierte Kulturlandschaftsführer und Landschaft im Wandel.

 

Vier große Plakate hingen im Gasthaussaal. Blau die „Produktentwicklung“. Gelb „Bildung, Erlebnis, Lernen“, orange für „Handel und Gewerbe“ und grün für „Tourismus, Landwirtschaft und Gastronomie“. Seite für Seite ging die Tourismus-Expertin mit Professur in Wien und eigenem Büro die „Projektdatenbank“ mit den rund 50 anwesenden Beteiligten durch.

 

Ein Naturerlebnispfad fand sich darin ebenso wie ein Honig- und Bierweg. „Vom Getreide zum Konsum“ beschrieb Pröbstl-Haider Letzteren mit Blick auf den vieldiskutierten Laufener Landweizen. „Der Kunde von morgen sucht Qualität“ ist sie überzeugt, das gelte nicht zuletzt für das Kulinarische. In „Tradition und Bio“ sieht sie die ideale Verbindung einer naturgemäß eher fleischlastigen Küche. Im Gasthaus die „kreative Speisekarte“, die mehr Informationen bietet als nur das Speisenangebot.

 

160 verschiedene Streuobstsorten finden sich in der Region. „Vielfalt und Hintergrundwissen“ erscheinen Pröbstl-Haider als mögliche Kombination. Und Schnaps. Angebote, gleich welcher Art, müssten verlässlich und dauerhaft zur Verfügung stehen, daher brauche es Organisation und Zusammenschlüsse. Generell setzt sie auf „Netzwerke“. Und auf Köpfe. „Den Dingen ein Gesicht geben“, sagte sie, „Menschen, die für Produkte aus der Region stehen“. Nicht inszeniert, nicht aufgesetzt, nein: echt.

 

„Die kleinen Abenteuer anderer Art“, nennt Pröbstl-Haider das Angebot an die Gäste mitzuarbeiten. Mit der Laufener Naturschutzakademie (ANL) habe man in der Region eine Top-Bildungseinrichtung als möglicher Partner und Ausbilder ganz spezieller Kultur-Landschaftsführer. Dazu gehört auch die Geschichte. Und die Grenze, die ebenfalls zu thematisieren wäre. Was am Land so normal sei, würde für Städter zum Erlebnis: Dunkelheit, Mond und Sterne.

 

Wandern auch auf langen Strecken erfreut sich großer Beliebtheit. Das „Lieblingsprojekt“ von Pröbstl-Haider: „Die Traktor-Roas“ mit Inhalten und mit Einkehr. Und am Abend eine Übernachtung anderer Art: Das Hotelzimmer in der Tenne oder das Haus auf dem Baum. „Phantasievolles Schlafen ist ein großer Trend“, weiß die Fachfrau. Ein anderer: Die wilde Küche – Kochen mit Kräutern aus der Natur.

 

„Mitbringsel sollten authentisch sein“, forderte die Referentin. Denn der Gast soll „viel aus der Region mit nach Hause schleppen“, und damit zur Wertschöpfung beitragen. Aber welcher Gast? Familien mit Kindern seien eine wichtige Zielgruppe. „Geocaching“ wäre dafür ein mögliches Angebot, allerdings nicht unumstritten, wie Pröbstl-Haider einräumte. Interaktive Lehrpfade mithilfe des Smartphones zu erkunden, eine andere Idee. Oder Jugendspiele.

 

„Die Ökomodellregion sichtbar machen“, plädiert die Expertin, der Gast müsse merken, dass er hier in einer Ökomodellregion ist, in einer ganz besonderen Landschaft. Um die Idee sichtbar zu machen, brauche es möglicherweise etwas „zum Anfassen“, ein Zentrum, ein besonderes Gebäude.

 

„Keinen bloße Sammlung an Themen“, erwartet Tittmonings Bürgermeister Konrad Schupfner. Er forderte: „Konzentrieren auf den Tourismus.“ Vieles überschneide sich, hielt Pröbstl-Haider dem entgegen. Vor allem: „Die Vorschläge kamen aus Ihren Reihen.“ Marlene Berger-Stöckl als Projektmanagerin der ÖMR verteidigte die Sammlung als „wichtigen Zwischenschritt“, und diese zweite Veranstaltung sei dazu da, Schwerpunkte zu ermitteln.

 

Laufens Bürgermeister Hans Feil gestand seine „Schwierigkeiten“, sich festzulegen. „Was kann in den bestehenden Strukturen umgesetzt werden?“, fragte er, wo noch nicht einmal der Markenfindungsprozess im Berchtesgadener Land abgeschlossen sei. Dr. Thomas Birner von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft BGL stellte die „berühmte Kümmeranten-Frage“. „Wer macht’s?“ Steht ein möglicher Nutzen in einem vernünftigen Verhältnis zum Aufwand? Gibt es genug Leistungsträger? Birner fragte zudem: „Zeugt es von Authentizität, mit einem alten Traktor durch die Ökomodellregion zu knattern?“

 

Für Karin Mergner von der Berchtesgadener Land Tourismus GmbH steht außer Frage: „Dass man mit der Ökomodellregion eine Marke schaffen kann, davon darf man sich verabschieden.“ Es komme eher einem Gütesiegel gleich. Berger-Stöckl bat gleichwohl: „Trauen wir uns heute eine grobe Bewertung zu.“ Manches koste fast nichts, anderes sehr viel, forderte auch Ulrike Pröbstl-Haider die Anwesenden auf, „zu sortieren“.

 

Das taten nicht alle, aber die vier großen Tafeln füllten sich doch mit vielen bunten Strichen. Zehn Stimmen durfte ein jeder vergeben. Streuobstprogramme fanden viel Zustimmung, ebenso Naturerlebnispfade. Kreative Speisekarten erachten viele als Bereicherung. Ganz wichtig: Eine verlässliche Partnerschaft. Einen Grenzlandwander- oder -radweg kann sich eine ganze Reihe vorstellen. Landschaftsgeschichte dürfte bei den Gästen ebenso auf Interesse stoßen wie deren Wandel.

 

„Überraschend?“, fragte die Referentin nach der Auszählung. Die ganz teuren Sachen seien jedenfalls nicht dabei, fasste sie das Ergebnis zusammen und fragte in die Runde: „Können wir das der Politik präsentieren?“. Teisendorfs Bürgermeister Thomas Gasser meinte, das Resultat sei noch kein Konzept. Worauf Pröbstl-Haider klarstellte: „Ein Konzept ist noch nicht die Umsetzung.“ Und letztlich habe die Politik, hätten Stadt- und Gemeinderäte das letzte Wort.

 

„Wir machen uns hier Gedanken, dabei ist das Todesurteil ergangen“, meldete sich Klaus Lebek zum Ende der Veranstaltung zu Wort. Das Todesurteil sieht der Waginger Hotelier in einer Sendung des Bayerischen Rundfunks. „Unkraut“ hatte in einem Fünf-Minuten-Beitrag über die starke Phosphatbelastung des Waginger Sees berichtet, worauf er, Lebek, erste Stornierungen erhalten habe. „Wir packen das Übel an der Wurzel“, hielt Marlene Berger-Stöckl dem entgegen und forderte alle auf, sich auf das zu konzentrieren, was möglich sei. Eine Abschlussveranstaltung wird es am Montag, 10. April 2017, um 19 Uhr beim Oberwirt in Otting geben.

 

Von Hannes Höfer, erschienen in der SOR vom 06.04.2017

 

Gelesen 76 mal